Client-Side-Scanning: warum es die Verschlüsselung aushebelt
Scannen auf dem Gerät fasst die Verschlüsselung nicht an, es greift davor zu. Warum das der eigentliche Kern der Chatkontrolle ist, ruhig erklärt.
In der Debatte um die Chatkontrolle fällt immer wieder ein sperriger Begriff: Client-Side-Scanning. Das klingt nach einem Detail für Fachleute, ist aber der eigentliche Kern des Streits. Bleib hier ruhig, das lässt sich erklären. Und es lohnt sich, denn an diesem einen Punkt entscheidet sich, ob Ende-zu-Ende-Verschlüsselung noch etwas bedeutet.
Was Client-Side-Scanning überhaupt ist
Der „Client" ist das Gerät in deiner Hand. Client-Side-Scanning bedeutet also: Nicht der Server durchsucht deine Nachrichten, sondern dein eigenes Gerät tut es. Und zwar genau in dem Moment, in dem die Nachricht noch im Klartext vorliegt, also bevor sie verschlüsselt und abgeschickt wird. Meldet die Software einen Treffer, geht der Fund nach außen.
Technisch läuft das meist über einen wahrnehmenden Hash, im Fachjargon perceptual hash. Aus einem Bild wird ein kurzer Fingerabdruck berechnet, der auch dann noch passt, wenn das Bild leicht verändert wurde. Dieser Fingerabdruck wird gegen eine Liste bekannter Fingerabdrücke geprüft. Apple hatte 2021 genau so ein System vorgestellt, es hieß NeuralHash.
Der Denkfehler: die Verschlüsselung bleibt heil, der Schutz nicht
Befürworter sagen gern: Wir fassen die Verschlüsselung doch gar nicht an. Und das stimmt sogar. Nur findet der Zugriff eben davor statt. Die Mathematik bleibt unversehrt, die Vertraulichkeit nicht.
2021 haben vierzehn bekannte Kryptografen und Sicherheitsforscher dazu ein Papier vorgelegt, „Bugs in our Pockets", darunter Whitfield Diffie, Ronald Rivest, Bruce Schneier und Ross Anderson. 2024 ist es begutachtet im Journal of Cybersecurity erschienen. Ihr Fazit im Original: „CSS neither guarantees efficacious crime prevention nor prevents surveillance." Client-Side-Scanning verhindert also weder wirksam Verbrechen noch Überwachung. Und weiter: Zwar könne die Kommunikation verschlüsselt sein, die Daten der Nutzer würden trotzdem „durchsucht und geprüft, auf eine Weise, die von den Nutzern weder vorhergesehen noch überprüft werden kann".
Vier Einwände, die immer wiederkehren
- Es lässt sich umgehen. Man kann ein Bild so minimal verändern, dass ein Mensch keinen Unterschied sieht, der Fingerabdruck aber nicht mehr passt. Die Forschungsgruppe um Lukas Struppek hat das an NeuralHash gezeigt: Treffer lassen sich mit kleinen, gezielten Änderungen erzwingen oder verhindern, teils reichen simple Standardtransformationen wie Drehen, Zuschneiden oder eine Kontraständerung. Wer wirklich etwas zu verbergen hat, verschlüsselt es ohnehin vorher separat.
- Es trifft Unschuldige. Derselbe Trick funktioniert in die andere Richtung. Ein völlig harmloses Bild lässt sich so präparieren, dass es einen Treffer auslöst. Die Forscher nennen das ausdrücklich beim Namen: Unschuldige lassen sich damit belasten.
- Es lädt zur Zweckausweitung ein. Eine einmal gebaute Fähigkeit bleibt nicht bei ihrem ersten Zweck. „Once capabilities are built, reasons will be found to make use of them", schreiben die vierzehn Fachleute. Heute Missbrauchsmaterial, morgen Urheberrecht, übermorgen politische Symbole. Die Liste, gegen die geprüft wird, siehst du nicht.
- Es vergrößert die Angriffsfläche. Auf deinem Gerät läuft dann eine Software, die im Hintergrund gegen deine Interessen arbeitet. Wer sie übernimmt, muss die Verschlüsselung nicht mehr brechen. Er sitzt bereits an der Stelle, an der der Klartext liegt.
Apple hat es gebaut und wieder eingestellt
Das ist der vielleicht stärkste Beleg, denn er kommt nicht von Aktivisten. Apple hatte NeuralHash 2021 angekündigt und im Dezember 2022 wieder eingestellt. 2023 hat Erik Neuenschwander, bei Apple zuständig für Nutzerdatenschutz und Kinderschutz, das ausführlich begründet. Man sei zu dem Schluss gekommen, es sei „nicht praktikabel umsetzbar, ohne am Ende die Sicherheit und Privatsphäre unserer Nutzer zu gefährden". Die privat in iCloud gespeicherten Daten jedes Nutzers zu durchsuchen, würde „neue Angriffswege für Datendiebe schaffen, die sie finden und ausnutzen können". Und der Satz, um den es hier geht: „Scanning for one type of content, for instance, opens the door for bulk surveillance." Das Scannen nach einer Inhaltsart öffnet die Tür zur Massenüberwachung.
Die Forschergruppe um Struppek kam unabhängig davon zum selben Ergebnis: Wahrnehmende Hashverfahren seien in ihrer heutigen Form „generally not ready for robust client-side scanning".
Wo die EU gerade steht
Kurz eingeordnet, ausführlich steht das im Artikel zur Chatkontrolle. Am 9. Juli 2026 hat das EU-Parlament nur die freiwillige Regel verlängert. Sie betrifft unverschlüsselte Inhalte, verschlüsselte Messenger sind ausdrücklich ausgenommen, und verpflichtendes Scannen auf dem Gerät steht dort nicht drin.
Der große Brocken ist die CSA-Verordnung, und über die wird weiter verhandelt. Laut internen Dokumenten haben sich die Institutionen vorläufig darauf geeinigt, verschlüsselte Inhalte auszunehmen, womit das Client-Side-Scanning aus dem Text fallen dürfte. Verlassen würde ich mich darauf nicht: Genau an dieser Frage hängen die Verhandlungen, und vorläufig heißt vorläufig.
Was das für PriChat heißt, ehrlich gesagt
Bei uns wird im Browser verschlüsselt. Der Schlüssel entsteht beim Anmelden aus deinem Passwort und liegt nur im Arbeitsspeicher; wer den Passkey-Login nutzt, entsperrt denselben Schlüssel stattdessen per Passkey. Von deinen Nachrichten sieht unser Server ausschließlich Chiffretext. Wir durchsuchen sie nicht, und wir haben nichts eingebaut, das das könnte. Ehrlich dazugesagt, weil es zum Thema gehört: Nicht alles ist bei uns verschlüsselt. Gruppennamen, Gruppenbilder, Profilbilder und Statustexte liegen im Klartext in unserer Datenbank, und eine Support-Anfrage an uns ist naturgemäß keine Ende-zu-Ende-verschlüsselte Nachricht. Nachrichteninhalte sind es immer.
Nur ändert das nichts an der grundsätzlichen Lage, und deshalb sage ich es lieber selbst: Client-Side-Scanning setzt an der einen Stelle an, die wir nicht wegverschlüsseln können, nämlich an deinem Gerät und an unserer App. Unsere App ist nicht quelloffen und nicht extern auditiert. Du kannst nicht nachprüfen, dass darin kein Scanner steckt, du musst uns glauben. Bei Signal könntest du in den Quellcode schauen. Das ist ein echter Vorteil von Signal, und ich halte es für unredlich, so zu tun, als wäre er keiner. Was ich zusagen kann: Wir bauen so etwas nicht freiwillig ein. Und sollte ein Gesetz uns dazu zwingen, wirst du es hier lesen, bevor du es merkst.
Verschlüsselung schützt den Weg. Client-Side-Scanning setzt am Anfang des Weges an, in deiner Hand. Deshalb hilft es auch nicht, die Verschlüsselung noch stärker zu machen: Sie war nie das Ziel des Angriffs.
Kurz gesagt
Client-Side-Scanning lässt dein eigenes Gerät deine Nachrichten durchsuchen, bevor sie verschlüsselt werden. Die Verschlüsselung bleibt dabei formal unangetastet und praktisch wirkungslos. Sie ist umgehbar für die, die etwas verbergen wollen, und gefährlich für alle anderen. Genau das haben vierzehn führende Kryptografen aufgeschrieben, und Apple hat sein eigenes System aus denselben Gründen wieder abgeschaltet.
Quellen
- Abelson u. a. · Bugs in our Pockets (Journal of Cybersecurity, 27.01.2024)
- Abelson u. a. · Preprint (arXiv, 14.10.2021)
- Struppek u. a. · Learning to Break Deep Perceptual Hashing (ACM FAccT 2022)
- AppleInsider · 31.08.2023 (Stellungnahme Erik Neuenschwander)
- netzpolitik.org · 12.06.2026
- netzpolitik.org · 09.07.2026